„Alles wird gut. Immer wieder.“
„PolitikerInnen sind Ingenieure: Sie bauen Landebahnen für die Zukunft.“
„Was ich will: PolitikerInnen als Hebammen des Neuen.“
„PolitikerInnen sind Gärtner des Lebens. Sie kultivieren soziale Felder.“

Europa, wir wollen mit dir reiten!

10.12.2012 | Matthias Strolz | Tags: , , , , , , , , ,

>> Wir haben heute Europa unsere Liebe erklärt. Hier meine Rede als NEOS-Vorsitzender bei unserer Liebeserklärung vor dem Europahaus in Wien, 10. Dezember 2012, 12.00 Uhr:

“Europa, die starken Männer auf diesem Kontinent haben sich über Jahrhunderte regelmäßig die Schädel eingeschlagen. Wir haben uns abgestochen und erschossen, einander die Frauen vergewaltigt, einander die Kinder getötet. Das war Krieg. Und Krieg war Normalität in unserer europäischen Geschichte.

Heute leben wir mit 500 Millionen Menschen in einer Union. Wir haben uns zusammengefunden. Wir leben seit 67 Jahren in Frieden. Europa, wir bekommen dafür heute den Friedensnobelpreis. Und das ist gut so.

Europa, ich nehme diesen Tag zum Anlass, dir meine Liebe zu gestehen. (Regieanweisung an Europa) Europa, setz dich hin. Das ist eine Liebeserklärung.

Wir lieben dich dafür, dass wir Wohlstand für breite Massen geschaffen haben, in einer Art, wie es bisher keinem anderen Kontinent auf diesem Planeten gelungen ist. Wir lieben dich dafür, dass wir keine Schutzzölle mehr zahlen, wenn wir etwas aus Italien einkaufen. Dafür, dass uns keine Grenzbalken mehr abstoppen, wenn wir nach München oder Bratislava fahren wollen. Wir lieben dich, dafür, dass wir dank dir in Österreich 375.000 Arbeitsplätze mehr haben. Dafür, dass knapp 60.000 österreichische Studierende bisher an Erasmus-Programmen ein meist großartiges Auslandsjahr – im europäischen Inland – hatten. Wir lieben dich dafür, dass Telefonieren billiger geworden ist. Und dafür, dass du den Handystecker vereinheitlicht hast.

Europa, einst stand der Göttervater Zeus auf dich. Die griechische Mythologie berichtet, dass er sich in einen Stier verwandelte, um mit dir davonzureiten. Europa, wir wollen auch mit dir durchs Leben gehen. Wir wollen mit dir reiten.

Europa, ja, wir haben eine Krise. Ja, wir wissen das. Ja wir sehen das. Und ja, auch uns tut’s weh. Doch Europa, Kopf hoch, du hast eine große Geschichte. Und du hast eine große Zukunft. Deine große Schwester, die Vereinten Nationen, berichtet mir, dass heuer am 13. Dezember erstmals in der Geschichte der Menschheit weltweit mehr als eine Milliarde internationale Ankünfte von Tourist_innen gezählt werden. Viele belächeln dich Europa – du bist langsam, du bist so demokratisch, du bist so kompliziert. Doch Europa, tröste dich, 50 Prozent aller Touristinnen und Touristen weltweit, heuer über 500 Millionen, kommen zu dir. Sie wollen dich sehen, sie wollen dich spüren, sie wollen dich erleben. Es gibt eine weltweite Sehnsucht nach dir, Europa. Und wir haben dich. Wir lieben dich. Wir brauchen dich.

Europa, es ist Zeit, den Stier bei den Hörnern zu packen. Ein Krisenessen unserer Regierungschefs alle 14 Tage, das reicht nicht. Wir müssen die Krise jetzt an den Hörnern packen und entschlossen nach vorne reiten. Wir wollen mehr von dir, Europa.

Europa, wir müssen uns neu erfinden. Wir müssen anders kommunizieren. Europa, dein mythologisches Vorbild ist eine Frau. Aber deine Kommunikationsleistung in unserer Beziehung ist die eines Mannes. Zum Beispiel deine Webseite, also zumindest die der Europäischen Kommission. Die ist so sexy wie ein Telefonbuch. Europa, wir brauchen eine Paartherapie. Wir brauchen ein Europa der Regionen, ein Europa der Bürgerinnen und Bürger. Wagen wir mehr Demokratie.

Europa, wir wollen einen Europäischen Konvent, in den die Bürgerinnen und Bürger direkt gewählte Mitglieder entsenden. Dieser Konvent soll eine Verfassung ausarbeiten und einen Vorschlag für die Neuausrichtung der EU-Institutionen auf den Weg bringen. Die Bürgerinnen und Bürger, die Völker sollen dann entscheiden, ob sie bei dieser neuen Union dabei sein wollen oder nicht. Wer ja sagt, ist dabei. Und wer nein sagt, der eben nicht. Dann bleiben wir halt einfach so Freunde.

Europa, ich habe dich erstmals begriffen im Sommer 1994. Ich war damals auf Austausch in der Normandie. England und Frankreich feierten gerade 50 Jahre D-Day, die Landung der alliierten Truppen in der Normandie zur Befreiung des Kontinents. Wir waren drei Wochen in einem europäischen Taumel dort. Wir haben gemeinsam gelernt, diskutiert und gefeiert; junge Leute aus über zehn europäischen Ländern. Wir haben gemeinsam gesungen und getrunken. Dort wo unsere Großväter sich die Schädel eingeschlagen haben, dort hatten wir Kopfweh – vom Feiern.

Unsere Großväter haben dich Europa in den Blutlachen der Normandie und auf den Schlachtfeldern Stalingrads kennen gelernt. Unsere Eltern haben es in Piran und Kaorle kennen gelernt. Unsere Generation hatte und hat ganz andere Chancen, dich zu begreifen und zu erleben. Das ist unsere Freiheit und das ist unsere Verantwortung als neue europäische Generation.

Europa, wir sind eine Schicksalsgemeinschaft. Wir wohnen hier auf engem Raum miteinander. Wenn da eine Hütte brennt bei uns in Europa, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Nachbarhaus auch mit abfackelt. Wir sind aufeinander angewiesen, unausweichlich aneinander gebunden. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, das können wir uns nicht aussuchen. Wir können uns jedoch aussuchen, uns auch als CHANCENgemeinschaft zu begreifen. Ja, Chancen für Europa.

Europa, verschwende jetzt diese Krise nicht. Europa, wir wollen mehr von dir. Wir wollen dich als Vereinigte Staaten von Europa. Wir wollen, dass zusammenwächst, was zusammengehört. Stell dir vor, wir in zehn Jahren: 2022, Vereinigte Staaten von Europa. Einheit in der Vielfalt. Europa blüht in unserem Alltag. Das ist unser Traum. Diesen wollen wir mit dir reiten. Gemeinsam vorwärts, Europa.”

>> Hier noch unsere NEOS-Pläne für Europa

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