„Alles wird gut. Immer wieder.“
„PolitikerInnen sind Ingenieure: Sie bauen Landebahnen für die Zukunft.“
„Was ich will: PolitikerInnen als Hebammen des Neuen.“
„PolitikerInnen sind Gärtner des Lebens. Sie kultivieren soziale Felder.“

Wir müssen hier klar sein: Die Abwertung der Frauen werden wir nicht akzeptieren!

06.11.2015 | Matthias Strolz | Tags: , , , , , , ,

Ein Stammspieler eines niederländischen Fußball-Spitzenklubs verweigert öffentlich den Handschlag, weil das Gegenüber eine Frau ist – hier der deutsche Spiegel mit den Hintergründen. Viele – selbst die beteiligte Frau – finden das okay. Ich finde das nicht okay. Und ich bin der Meinung, wir müssen darüber diskutieren. Darüber; und über noch viel mehr. Nur wenn wir in die respektvolle und ernsthafte Auseinandersetzung gehen, haben wir die Chance, die großen Herausforderungen der Integration in den nächsten Jahren und Jahrzehnten positiv zu meistern. Reden wir nicht d‘rüber, dann droht die Spaltung unserer Gesellschaft.

Ich bin der Überzeugung, wir müssen hier als europäische Gesellschaft klar sein: Wir akzeptieren sowas nicht! In unseren Ländern und Gesellschaften wird Menschen nicht der Handschlag verweigert aufgrund ihres Geschlechts. Es gibt keine pauschale Begründung, die ich hier als legitim akzeptieren werde. Auch und vor allem keine religiöse. Das sage ich als Mensch, das sage ich als Verfechter für die Religionsfreiheit, das sage ich als Mitglied einer Religionsgemeinschaft, das sage ich als Politiker, das sage ich als Vater von drei Töchtern.

Ein Stammspieler eines Topliga-Klubs ist eine Person des öffentlichen Lebens. Er muss also wissen und auch damit rechnen, dass seine Gesten, Handlungen und bewussten Unterlassungen öffentlich diskutiert werden. Und er muss auch damit leben, dass die Gesellschaft gewisse “Mindeststandards” einfordert. Ich finde es gut und richtig, dass ein Fußballklub auf die religiösen Hintergründe seiner Spieler Rücksicht nimmt und hier in individuellen Vereinbarungen einen Gebetsraum einrichtet. Das alles können und sollen wir als freie Bürger_innen und Vertragspartner aushandeln können. Ich finde es inakzeptabel, wenn ein Fußballklub vertraglich zugesteht, dass einzelne Spieler Frauen den Handschlag vorenthalten.

Ebenso inakzeptabel ist es, wenn junge Burschen ihre Mitschülerinnen als “Schlampen” oder “Huren” bezeichnen, nur weil sie mit 16 oder 18 einen Freund haben. Ich arbeitete vor 15 Jahren als Coach für arbeitslose Jugendliche. Und wir haben damals diese Diskussionen geführt, die zu führen sind: Ich hatte in den zu betreuenden Gruppen immer wieder Burschen, die damit prahlten, wie viele Mädels sie so über die Monate „flach legen“. Und dass es ihnen gleichzeitig wichtig sei, dass ihre zukünftige Frau eine Jungfrau sei. Nichts anderes sei akzeptabel. Die anwesenden Mädchen hätten das gefälligst zu akzeptieren – gottgewollte Ordnung quasi. Dieselben Burschen waren dann auch die Beschützer ihrer Schwestern und deren Freundinnen. Ein nicht bewilligter Flirt qualifizierte die “Schutzanvertrauten” zu “Schlampen”. Eine Beziehung – mit Verdacht auf vorehelichen Sex – machte die Mädchen öffentlich zu “Huren”.

Jetzt können wir diese Phänomene von uns wegdrücken und sagen, das geht uns nichts an. “Sollen sie tun oder lassen was sie wollen!”, höre ich da oft. Der Punkt ist: Wir können das nicht einfach wegdrücken. Weil es mit uns zu tun hat. Es passiert mitten in unserer Gesellschaft. Diese Form der Abwertung, Diskriminierung und Unterdrückung findet jeden Tag tausendfach statt – in Wien, Bregenz, Telfs, Salzburg, Graz, Villach, Oberpullendorf, Vösendorf und Mondsee. Es findet täglich in unseren Klassenzimmern statt – nicht nur hier in Neukölln, sondern an vielen hunderten Schulen in allen neun Bundesländern in Österreich.

Ich will, dass Integration gelingt! Dafür arbeite ich seit vielen Jahren auf unterschiedlichsten Feldern. Unter anderem als ein Mitinitiator und erster Projektleiter des Projekts START – Stipendien für engagierte Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund (ich legte bei Eintritt in die Politik meine Verantwortungen in diesem Projekt ab). Es gibt viele positive Beispiele gelingender Integration. Und es gibt auch viele, viele Baustellen. Über diese müssen wir ernsthaft reden. Wir müssen hier gemeinsam ausverhandeln, wie wir miteinander leben wollen. Und wir müssen klar sein, was dabei nicht verhandelbar ist. Dies ist unter anderem die Gleichstellung von Frau und Mann.

***

Nachtrag – weil ich auf den sozialen Medien neben viel Zustimmung auch einiges an Kritik und Häme bekomme. Hier zur Präzisierung:

Es nutzt nichts, abstrakt herum zu eiern in der Integrationsdebatte. Wertefragen werden in unserem Alltag immer konkret. Ich sehe Zuwanderung als Bereicherung. Gleichzeitig: Offensichtlich hat der Spieler vertraglich die Zusage von seinem Verein, dass er Frauen nicht die Hand geben “muss”. Und ich denke, zu solchen Zuständen müssen wir eine Haltung einnehmen.

Wollen wir, dass unsere Kinder in Schulen gehen, in denen unsere Töchter von einigen Klassenkollegen den Handschlag vorenthalten bekommen, weil sie Frau sind (egal ob aus religiösen oder welchen Motiven auch immer). Ich will das nicht! Ich will es nicht für Frauen, nicht für Schwule, nicht für Muslime, nicht für Juden, nicht für Rothaarige und nicht für Kleinwüchsige …

Und ja, der Handschlag ist keine Frage des Gesetzes. Jede_r von uns wird sich bei der nächsten Grillfeier weiter aussuchen können, wem er/sie die Hand gibt und wem nicht. Wir sind ein freies Land mit freien Bürger_innen. Wir werden keine Gesetze machen, in denen der verpflichtende Handschlag verankert ist. Aber es ist eine Frage der Gesellschaft, was wir wollen. Und das sollten wir gemeinsam ausverhandeln. Dazu bringe ich eine klare Position ein. Wer immer diesen Zustand des grundsätzlichen Handschlag-Verweigerns aufgrund von Geschlecht, Religion, Haarfarbe oder anderen Merkmalen in der Klasse seiner Kinder für gut oder legitim hielte, greift meines Erachtens zu kurz in seiner Verantwortungsethik. Ob aus (mE falsch verstandener) Toleranz oder aus Ignoranz – beides mit negativen Auswirkungen für unsere Gesellschaft.

druckfreundliche Ansicht